DIE WELT - Panorama Anwalt Adam Ahmed

Der Mann, der das Recht der Bösen verteidigt - Der Münchner Anwalt Adam Ahmed übernimmt freiwillig die härtesten Strafrechtsfälle der Republik. Er verteidigt Brandstifter, Kindermörder und Sexualstraftäter. Warum macht der 44-Jährige das? Von Jörg Völkerling

Im Zweifel für den Angeklagten: Adam Ahmed, 44, in seiner Kanzlei in München. Foto: Jörg Fokuhl

Er springt aus seinem Geländewagen, den er gegenüber vom Rosenheimer Amtsgericht geparkt hat, schlüpft in seine schwarze Lederjacke und rückt das Blumengesteck im Kofferraum zur Seite. Dann packt Adam Ahmed die Haushaltskiste mit Akten und läuft hinüber zum Justizgebäude. Der Vater des Angeklagten wartet schon.

Ahmeds Mandant wird im grün-weißen Polizeibus gebracht. Er ist 24 Jahre alt, die Monate in Untersuchungshaft haben sein jugendliches Gesicht grau gemacht. Mindestens achtmal soll er Drogen verkauft haben, zwischen 50 und 500 Gramm. Durch eine Telefonüberwachung flog er auf. Beim Ermittlungsrichter gestand er. Nun soll ihn sein Anwalt aus dem Gefängnis holen.

Ahmed ist einer der bekanntesten Verteidiger der Republik. Er übernimmt die härtesten Fälle und geht dabei keiner Kamera aus dem Weg. "Ich komme damit mehr als nur zurecht", sagt er über seine Prominenz. Doch hier in der bayerischen Provinz gilt seine Aufmerksamkeit dem jungen Mann mit dem aschfahlen Gesicht. "Solche Fälle sind wichtig", sagt Ahmed, während er sich seine schwarze Anwaltsrobe überzieht. Handwerk ist gefragt. "Hier müssen Sie sich beweisen, hier müssen Sie versuchen, ein Gericht binnen kürzester Zeit zu überzeugen."

Mörder von Rudolph Moshammer verteidigt

In einer Prozesspause sitzt er im Rosenheimer "Duschlbräu", trinkt Apfelschorle und erzählt die Geschichte seines Lebens. Niemals aufgeben, das komme von seiner Mutter, sagt Ahmed. Sie war Ende der 60er-Jahre mit nur einem Koffer aus Griechenland gekommen, musste um ihren Platz in Deutschland kämpfen. Als Ahmeds Vater Hilmi nach seinem Maschinenbau-Studium in München zusammen mit seinen beiden Söhnen in den Irak abgeschoben werden sollte, setzte sich die Mutter zur Wehr. "Wir bleiben hier", habe sie gesagt und einen Anwalt für Ausländerrecht angeheuert. Adam Ahmed durfte seine bereits im Koffer verstaute Carrera-Bahn wieder auspacken.

"Als Ausländer habe ich mich nie gefühlt", sagt Ahmed, "doch diese latente Unterdrückung, die war schon da, die hat mich mit Sicherheit extrem geprägt."

Heute lacht der 44-Jährige über die Hänseleien wegen seines Namens. Sein Tonfall ist leicht bayerisch gefärbt. "Manchmal habe ich gedacht, mei, jetzt hast du schwarze Haare, das ist irgendwie nicht so toll." Den Auftrag, den Mörder des Münchner Modezars Rudolph Moshammer zu verteidigen, bekam Ahmed 2005 aber aufgrund seiner Herkunft. Der Bruder des angeklagten irakischen Kurden Herish A. suchte einen Verteidiger mit irakischen Wurzeln. Ahmed plädierte auf Totschlag statt auf Mord, verlor.

Ausbildung zum Werkzeugmacher

Bis zum Strafrecht war es ein weiter Weg. Mit 17 hatte der Junge aus Moosach von einer Karriere als Profi-Fußballer geträumt, hatte es in die Jugend des FC Bayern München geschafft, schon damals als Verteidiger. Ein Spielervermittler hatte ihn bereits auf dem Zettel. "Doch mir hat ein bisschen die Konstanz gefehlt, ich habe mich auch nicht so topp ernährt." Sein Vater wollte, dass der Sohn etwas Anständiges lernt. Ahmed begann bei Siemens eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. "Das stand nie zur Diskussion, dass erst mal ein Beruf gelernt wird."

Wenn er mit einer Tüte die Werkshalle betrat, begrüßte ihn der Ausbilder mit Sprüchen wie "Da kommt er wieder mit seinem Türkenkoffer". Es war schnell klar, in diesem Beruf wollte er keinen Tag arbeiten. "Es hat ja keinen Spaß gemacht, schon mit Bauchschmerzen aufzustehen." Dennoch zog Ahmed die Lehre durch, wegen guter Leistungen sogar in Rekordzeit. "Ich breche nichts auf halbem Wege ab", sagt Ahmed, vom Fußball mal abgesehen. "Auch nicht, wenn es schwer ist. Das hab ich von meinem Vater." Beharrlichkeit und Konstanz: Elterliche Prägung.

1990 wurde der Volksschauspieler Walter Sedlmayr in München ermordet, die Zeitungen berichteten groß aus dem Gerichtssaal. Auch Adam Ahmed, der damals gerade das Abi nachholte, las täglich diese Geschichten. Er besuchte Prozesse, beobachtete die Anwälte – und wusste bald: "Das is' es."

Ein kleines Verfahren wegen Alkohol am Steuer bestärkte ihn in der Entscheidung, auf welcher Seite er stehen wollte. Der Angeklagte bat um eine milde Strafe, weil er doch verheiratet sei und einen Job habe. Er bekam keine Bewährung. Der Richter meinte, er könne ja nicht nur Arbeitslose und Ledige einsperren. "Das fand ich krass, auch wenn der das schon mehrfach getan hatte."

Wut über voreingenommene Richter

Ahmed hätte bei der Staatsanwaltschaft Karriere machen können, die ihm einst als Referendar ein so gutes Zeugnis ausgestellt hatte. Er hatte regelrecht um Plädoyers gebettelt, stand am Ende über 70 Mal als Ankläger im Sitzungssaal – wo seine Kommilitonen kaum das Dutzend vollkriegten. "Ich hab immer wieder gesagt: ,Ich würd' gern wieder.'"

Doch auf den für eine Laufbahn im bayerischen Justizapparat nötigen Rollenwechsel – vom Staatsanwalt zum Richter und zurück – wollte sich Ahmed nicht einlassen. Im Dezember 2003 bekam er die Zulassung als Anwalt. "Ich hinterfrage die sogenannte ,richterliche Unabhängigkeit' sehr oft", meint er und seine sonst so weiche Stimme wird schneidend. Keine Spur mehr von dem Schalk, mit dem er eben noch gewitzelt hatte. "Da werden manchmal Urteile ausgesprochen, um Dinge wie eine U-Haft zu rechtfertigen. Ich weiß nicht, ob die alle so frei sind." Wie zuweilen im Gericht spürt man nun im Biergarten seine konzentrierte Wut, als er über voreingenommene Richter spricht: "Wenn die den Saal betreten, stehe ich nicht aus Respekt vor den Personen auf, sondern aus Respekt vor dem Rechtsstaat."

Seine Fähigkeit zur Diplomatie hält sich in Grenzen, "das wird mit zunehmendem Alter sogar eher noch besser", sagt Ahmed und lacht nun wieder. "Wenn mir was nicht passt, muss ich's rauslassen. Dieses Geradlinige hab ich auch von meiner Mutter. Mein Vater war eher so der Vorsichtige."

Ein "Herz für Kindermörder"?

Vielleicht kam Ahmed gerade deshalb zu den Mandaten, die ihm den Beinamen "Anwalt der Bösen" verschafften. Der Onkel aus Krailling, der seine Nichten tötete. Der Soldat im Kelheimer Forst, der eine Joggerin erdrosselte und über ihrer Leiche onanierte. Der Parkinson-Kranke im Augsburger Stadtwald, der mit seinem Bruder einen Raubzug plante und auf der Flucht einen Polizisten erschoss. die Täter im Polizistenmord von Augsburg. Oder der Neonazi, der kurz nach seiner Haftentlassung eine Zwölfjährige entführte, an einem Weiher missbrauchte und erschlug. Was macht der Umgang mit solchen Menschen aus ihm? Hat er wirklich ein "Herz für Kindermörder", wie jüngst in einer Mail an ihn stand?

Ahmed kennt dieses Gefühl gut, sich selbst verteidigen zu müssen. Früher antwortete er meist: "Ob die Öffentlichkeit mit dem Finger auf mich zeigt, ist mir ziemlich wurscht." Das änderte sich, als er die Verteidigung von Stefan B. übernahm. Der arbeitslose Bäcker musste sich seit Februar vor dem Landgericht Ingolstadt wegen Mordes an der zwölfjährigen Franziska verantworten. Nachdem Ahmed wegen des Mandats selbst Morddrohungen erhielt, schickte er dem Geständnis seines Mandanten eine Erklärung voraus und distanzierte sich von dem Geschehen, das "schrecklich ist und uns erschüttert". Vergangene Woche wurde B. zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt.

Seine Robe wirkt in solchen Momenten wie ein Panzer, der ihn vor zu viel Emotionen schützen soll. "Ich kann's ja nicht rückgängig machen", antwortet er matt auf die Frage nach seinem eigenen Gewissen. "Manchmal denke ich, wie würde ich damit umgehen, wenn ich einen Menschen getötet hätte." Dann trifft er wieder auf Mandanten wie jenen Niederbayern, der ihm völlig sachlich berichtete, wie er seine Frau angezündet hatte. "Da spür' ich manchmal Kälte."

Bei Tötungsdelikten empfiehlt er zu schweigen

Einmal legte ein Mandant einen Ordner mit der Aufschrift "Prisoner of war" (Kriegsgefangener) auf den Tisch. Es war Michael W., der mit 19 als Tod verkleidet die kleine Vanessa in ihrem Kinderbett erstochen hatte. 2012 prüfte das Landgericht Augsburg die nachträgliche Sicherungsverwahrung für ihn. Ahmed ließ die Kladde sofort verschwinden. Nicht so sehr aus Rücksicht auf die Gefühle der im Saal anwesenden Mutter Vanessas. Seine Botschaft war: Im Prozess bestimmt er über das Auftreten seines Mandanten. Bei Tötungsdelikten empfiehlt er ihnen meist zu schweigen. "Sonst pickt sich der Staatsanwalt raus, was ihm passt."

Unbefriedigend ist das Auftreten für die Angehörigen des Opfers. Als Vanessas Mutter Romana Gilg am Ende eines der Augsburger Prozesstage Antworten von ihm wollte, ging Ahmed ihr nicht aus dem Weg. Bei einem Kaffee sprachen sie miteinander. "Man kriegt einen Einblick in die Gefühlswelt, das Leid, das schon zehn Jahre andauert. Man kann sich in keinen Menschen, der so leidet, hineinversetzen." Dennoch kämpfte er vehement für die Freilassung von Vanessas Mörder. Solange es kein Gesetz gebe, welches rechtfertige, den Täter wegzusperren, setze er sich für ihn ein. Recht und Gesetz seien einzuhalten, da sei er verdammt stolz drauf. Und wenn sein Klient dann in Freiheit wieder rückfällig wird? "So blöd das klingt, aber da seh' nicht ich mich in der Verantwortung."So sei halt der Rechtsstaat, sagt Ahmed und verschränkt die Arme. Er wirkt nun sehr distanziert.

Therapie hinter Gittern

Brandstifterin Carmen F., die "Feuer-Hexe", gehörte zu den 13 Mandanten, die Ahmed aus der Sicherungsverwahrung herausholte. Wenige Wochen nach ihrer Freilassung schnitt sie ihre Fußfessel ab, setzte einen Supermarkt in Baden-Württemberg in Brand. Ihre Verantwortung, Herr Anwalt? Ahmed überlegt nicht lange: "Natürlich habe ich mich geärgert. Über sie, dass sie Anlass für solche Diskussionen gibt. Und darüber, dass sie im Gefängnis überhaupt nicht auf ihre Entlassung vorbereitet worden ist."

Die Distanz bleibt. Kritik an mangelhafter Therapie hinter Gittern gehört zu Ahmeds Standard-Repertoire, da macht er sich immer wieder stark für. "Den Schuh muss sich die Justiz anziehen."

In Rosenheim ist die Sache für den Klein-Dealer nach einem halben Nachmittag vorerst ausgestanden. Der Staatsanwalt wollte ihn drei Jahre in Haft sehen. Ahmed warb für eine zweite Chance für seinen geständigen und reuigen Mandanten. Am Ende schickt ihn der Richter mit zwei Jahren auf Bewährung nach Hause. "Erfolg", sagt Ahmed, "würde ich nie so definieren, dass ein Freispruch rauskommen muss."

Nun packt der Anwalt seine Akten wieder ins Auto. Zeit für seinen wichtigsten Termin heute. Von der Autobahn lenkt er seinen Wagen auf eine Lindenallee am Ammersee. Auf dem Friedhof liegt seine Mutter Maria, die an diesem Tag vor einem Jahr mit 74 Jahren gestorben ist. Für sie sind die Blumen im Kofferraum.

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Strafverteidiger München Dr. Adam Ahmed, Fachanwalt für Strafrecht, Rechtsanwalt für Strafrecht.

 

Dienstag, den 19. Mai 2015